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Einleitung

„Nur jenes Erinnern ist fruchtbar, das zugleich erinnert, was noch zu tun ist.“
Ernst Bloch

Vorgeschichte

Vor 20 Jahren, in den ersten Monaten nach dem Fall der Mauer in Berlin und der Öffnung der Grenze zur DDR, führte mich ein Forschungs-Auftrag des Landesmuseums für Technik und Arbeit in Mannheim nach Ludwigsfelde, um auf dem jetzt zugänglich gewordenen Gelände in der Genshagener Heide zur Geschichte des ehemaligen Kriegswerks Genshagen der Daimler-Benz AG zu recherchieren. In einem Interview für „Das Daimler-Benz Buch“ hatte der Russe Simon Guljakin schon 1986 über seine drei Jahre unter den nahezu 10 000 Zwangsarbeitern in diesem Werk berichtet. Jedoch kam die Geschichte der 1100 Frauen aus dem KZ-Ravensbrück, die ab Herbst 1944 in Genshagen Daimler-Benz-Motoren für Messerschmitt-Jäger und Heinkel-Bomber montieren mussten, erst nach und nach ans Licht.

Bei der Suche nach überlebenden Frauen des KZ-Außenlagers „Daimler-Benz Genshagen“ in Deutschland, Polen, Frankreich, England, Jugoslawien, in der Ukraine, Tschechien, der Slowakei und in Ungarn ergaben Hinweise der damals beinahe 90-jährigen Friedel Malter, dass unter den Frauen in Genshagen auch eine als Jüdin deportierte Ungarin gewesen sei, eine Bildhauerin, die nach dem Krieg versucht habe, die Schrecken dieser Zeit künstlerisch zu verarbeiten. Friedel Malter hatte die Hälfte der 12 Jahre des „Dritten Reichs“ in Zuchthäusern und Konzentrationslagern verbracht. Von Dezember 1944 bis Kriegsende war die Kommunistin Schreiberin des SS-Kommandanten Mantzel in Genshagen gewesen und hatte so über einen besonderen Überblick über die Geschehnisse im Außenlager verfügt.

Die Suche nach der Künstlerin Edit Bán Kiss brachte ein trauriges Ergebnis, sie hatte sich 1966 in Paris das Leben genommen. Aber Edit lebt weiter durch ihr großes vierteiliges Stein-Relief an der Außenmauer der Synagoge in Budapest-Újpest von 1947 sowie ein Album mit 30 Gouachen, gemalt innerhalb weniger Wochen unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus dem KZ, die Stationen der Deportation aus Ungarn nach Ravensbrück und zu Daimler-Benz Genshagen zeigen.

Das seit dem Tod von Edit Kiss verschollene „Album Déportation“ habe ich in London wieder gefunden. Diese Bilder waren der Anlass, dass im Herbst 1994 der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, der auch im Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Sitz und Stimme hatte, sich an den Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG Edzard Reuter wandte mit der Bitte, das Unternehmen möge die weitere Erforschung und Dokumentation der Geschichte der Frauen von Genshagen unterstützen. Akzentuierte Schützenhilfe kam von Dietrich Eichholtz, dessen in der DDR erarbeitetes Standardwerk „Deutsche Kriegswirtschaft 1939–1945“ auch heute noch als grundlegend gilt. In einem von Sigrid Jacobeit für die Mahnund Gedenkstätte Ravensbrück eingeholten Gutachten erklärte Eichholtz: „Da mir bekannt ist, dass die Erforschung der Geschichte über die einstigen Außenbzw. Nebenlager des Frauen-KZ-Ravensbrück in den DDR-Jahrzehnten keine Rolle gespielt hat, halte ich die geplante Materialsammlung für außerordentlich wertvoll und geeignet, dieses Versäumnis exemplarisch aufzuarbeiten, und am Beispiel des Nebenlagers Genshagener Heide die Geschichte und den Alltag eines solchen Lagers öffentlich zu machen.“

Durch einen von Daimler finanzierten Jahresvertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Mahnund Gedenkstätte Ravensbrück wurde mir ermöglicht, 50 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager zunächst die Bilder von Edit Kiss in Ausstellungen in Berlin, Ravensbrück, Ludwigsfelde, Potsdam, Wöbbelin, Paris und Budapest zu zeigen. 1997–1999 waren die Bilder erneut in Ravensbrück zu sehen: In der großen Sonderausstellung „Wir waren ja Niemand“ konnten gleichzeitig erste Ergebnisse der Forschungen zum Werk Genshagen und die Fotos, Dokumente und Erinnerungen der 30 Frauen vorgestellt werden, die ich inzwischen gefunden und interviewt hatte. Es war die erste umfassende Ausstellung über Zwangsarbeit in einem Rüstungskonzern in Deutschland.

Schon ein Jahr vor Beginn der Erarbeitung der Ausstellung hatte Daimler-Benz eine Spende für den Begleitband bewilligt und den Zugang zu den Beständen 1933–1945 im Unternehmensarchiv gestattet: ein erstes und richtungweisendes Beispiel für die Einbindung eines Konzerns in die Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte im Rahmen der Aufgabenstellung einer KZ-Gedenkstätte.

Schon seit Anbeginn dieser Arbeit war es nicht nur um Recherche und Dokumentation im herkömmlichen Sinne gegangen, vielmehr war ein besonderes Anliegen, jede Gelegenheit zu nutzen, mit Unterstützung des involvierten Unternehmens „Begegnungen“ und „Wiederbegegnungen“ zu ermöglichen: der ehemaligen Häftlinge aus den verschiedenen Ländern untereinander, mit den Orten ihrer KZ-Haft und Zwangsarbeit, mit der dortigen deutschen Bevölkerung, insbesondere mit Jugendlichen, und mit Beauftragten des Konzerns.

Das waren keine leichten Begegnungen für beide Seiten, denn das ungelöste Problem der „Entschädigungen“ lag lastend zwischen Gastgebern und Gästen, die immer eindringlicher ein Nachzahlung des ihnen vorenthaltenen Lohnes forderten, und doch hat Daimler-Benz bis ins Jahr 2000 hinein immer wieder die von Sigrid Jacobeit und mir angeregten und organisierten Begegnungen finanziell getragen. 

Abschied von den Zeitzeugen

Die Bilder von Edit Kiss erwiesen sich bei dieser Arbeit als ein großartiges Geschenk, war es doch mit ihnen möglich, in Ausstellungen, Filmen und Jugendprojekten eine Brücke zum ansatzweisen Verstehen des Geschehenen zu bauen. Eine wichtige Rolle dabei hat Ágnes Bartha übernommen, die bis heute, trotz starker körperlicher Einschränkungen, die auf die Belastungen der Zwangsarbeit in Genshagen zurückzuführen sind, an staatlichen und jüdischen Schulen und im Holocaust Museum Budapest ihre Geschichte und die ihrer unglücklichen Freundin Edit Kiss erzählt.

Aus einem schmalen Manuskript, vorgesehen für einen Begleitband zur Ausstellung „Wir waren ja Niemand“, ist in 14 Jahren dieses Buch gewachsen. Da inzwischen durch Alter, Krankheit und Tod nur noch ganz wenige „Genshagenerinnen“ sich als Zeitzeuginnen zur Verfügung stellen können – so neben Ágnes Bartha in Ungarn, Edita Fischer in Berlin, Alicja Kubecka in Warschau und über das Maximilian-Kolbe-Werk auch in Freiburg und Köln, Lucette Quignon in ihrer Heimatstadt Autun und im Großraum von Paris, Éva Fejér in London und, mit Sigrid Jacobeit, am Gymnasium Carolinum in Neustrelitz –, erschien es an der Zeit, Textund Bildarbeiten abzuschließen, auch um für die pädagogische Arbeit an Schulen und Gedenkstätten diesen Verlust ein wenig ausgleichen zu helfen. Und beim „Abschied von den Zeitzeugen“ noch einmal auf unsere letzten Jahre mit ihnen zurückblicken zu können. 

Edit Kiss und ihre Bilder

Zu Edit Kiss’ Lebensgeschichte tauchte für die Ausstellung „Kunst im Exil – Verspätete Heimkehr“ im Holocaust Museum Budapest (April bis August 2010) ein zuvor nicht bekannt gewordenes amtliches Dokument auf. Es belegt, dass die unter dem Familiennamen Rott am 21. November 1905 in Budapest geborene Edit Lola Erzsébet sich im Jahr 1931 vom jüdischen Glauben losgesagt und dem evangelisch-reformierten zugewandt hat. Dass Edit Kiss zur Bevölkerungsgruppe „assimilierte Juden“ gehörte, die nicht aufgrund ihrer Religion und Kultur, vielmehr allein ihrer Abstammung wegen deportiert und vernichtet wurden, war demnach mehr als ein Jahrzehnt vor dem ungarischen Holocaust mit amtlichem Stempel bezeugt.

In der Biografie von Edit Kiss [Kap. 1] ist ein Brief aus dem Jahr 1928 zitiert und interpretiert, in dem die 23-Jährige ihre jüdische Abstammung für tief greifende persönliche Probleme verantwortlich macht. Auch deuten mehrere Selbstaussagen aus verschiedenen Epochen ihres Lebens wie auch Erinnerungen ihrer Freundin Ágnes Bartha darauf hin, dass sich Edit schon als Jugendliche in Budapest einer Psychoanalyse unterzogen hat, offenbar aus seelischer Not unterziehen musste – ein damals noch ungewöhnlicher Vorgang selbst in der bürgerlichen Mittelschicht. Schon lange vor der verspäteten Entdeckung des Eintrags zur Religion hatte ich die Biografie mit dem letzten Satz von Edit Kiss überschrieben, der uns erhalten ist. Er war am Morgen des 27. Oktober 1966 in einem Abschiedsbrief in dem Pariser Hotelzimmer aufgefunden worden, in dem Edit sich in der Nacht das Leben genommen hatte: „Niemand ist schuld an meinem Tod.“ Die vorsorgliche generelle „Freisprechung“ in den letzten Stunden dieses Lebens häufte Fragen in mir auf nach dem „Warum“ für einen Tod, für den das Motiv nicht einfach mit posttraumatischen Belastungsstörungen bei Opfern von KZ und Krieg zu erklären war. Denn das war lange meine Überzeugung gewesen.

Zur Eröffnung der Ausstellung in Budapest am 16. April 2010 richtete der Schriftsteller Iván Sándor, wie Edit Kiss 1944 aus Ungarn deportiert, Auschwitz-Überlebender und Träger des bedeutenden ungarischen Kossuth-Preises, in seiner Rede einen verstörenden Blick auf die Bilder aus dem „Album Deportation“. Als er die Bilder das erste Mal ansah, habe er gespürt, dass Edit Kiss, der er zwar 1944 nicht begegnet sei, ihn in der Ausstellung „mit einem zweiten Blick beschenkt. In ihrer Gouachen-Reihe aus Ravensbrück werden die Gesichter der Millionen Menschen, die ihren letzten Weg gegangen sind, in einem Blick konzentriert. Auf den Apokalypse-Bildern von Hieronymus Bosch sind ähnliche Skelettfiguren zu sehen. Eine Frau, am Ende der Marschkolonne, blickt zurück [‚Album Deportation‘, Bild 1], blickt auf uns. Auf ihre heutigen Betrachter. In ihrem Blick ist Interesse, kein Schrecken. Vielleicht auch ein wenig Neugier: Was wird die Nachwelt mit dem Schicksal der in den Tod Geschickten, der Eingeäscherten anfangen? Die Gesichter, die wir auf den Bildern der Ausstellung sehen, streifen nicht nur das hinter uns liegende Jahrhundert. Auch unsere Gegenwart im 21. Jahrhundert. Ich wage zu sagen, die nähere Zukunft des Menschen in Europa.“ 

Ágnes Bartha

Ágnes Bartha wurde im November 1944 zusammen mit Edit Kiss aus Budapest in das Frauen-KZ Ravensbrück deportiert und war gemeinsam mit Edit und 1100 Frauen aus vielen Ländern Europas Zwangsarbeiterin im KZ-Außenlager Daimler-Benz Genshagen. Im biografischen Teil dieses Buches [Kap. 2] „blättert“ sie mit der Ethnologin Germaine Tillion und der Historikerin Anise Postel-Vinay durch das Album mit den Gouachen von Edit Kiss. Man könnte meinen, die Frauen, alle drei frühere KZ-Häftlinge in Ravensbrück, blickten wie gebannt immer wieder in eigene innere Bilder. Sie stellen Übereinstimmendes fest und Abweichendes, das, entsprechend den unterschiedlichen Bedingungen der Französinnen im Hauptlager Ravensbrück und der Ungarinnen im Außenlager Genshagen, sich in den Bildern mit den wiederkehrenden Porträts der jungen blonden Ágnes und den Selbstporträts der siebzehn Jahre älteren Freundin mit dem dunklen Haar zeigt. 

Friedel Malter

Friedel Malter, die in Genshagen der völlig ausgezehrten Edit Kiss das Leben retten konnte, als die Arbeitsunfähige „nach Ravensbrück rücküberstellt“ werden sollte, ist die dritte große Biografie gewidmet. Die deutsche Kommunistin erzählt ihr Leben durch das 20. Jahrhundert, das sie in ihrer Lebensmitte durch die KZ-Lager Lichtenburg, Ravensbrück, Auer-Werke Oranienburg und Daimler-Benz Genshagen führte. Drei Jahre vor Edit Kiss geboren, hat sie diese um 35 Jahre überlebt. Doch die Freundschaft aus dem KZ hielt der Nachkriegsentwicklung nur wenige Momente stand: 1947 schickte Edit aus Budapest ein Foto mit ihren Ujpester Reliefs an Friedel, das ein halbes Jahrhundert später zum Schlüssel für die Rekonstruktion der Lebensgeschichte der jüdischen Ungarin wurde. 1948 brach die beim Aufbau des Sozialismus im Osten Deutschlands an prominenter Stelle engagierte kommunistische Funktionärin den Kontakt zu der in den Westen emigrierten Jüdin ab. 1994, im Augenblick der Wiederbegegnung mit Ágnes und den jüdischen Ungarinnen aus Genshagen, sollte die 92-Jährige Worte finden, die zu einem Motto für diese ganze lange Arbeit wurden: „Schön, dass ihr nochmal gekommen seid. Es fehlt manchmal noch was im Leben.“ 

Tradition und Zukunft

Sehr bitter für Friedel Malter war, dass Daimler-Benz nach dem Ende der DDR das mit dem Staat zusammen untergegangene „Industriekombinat Fahrzeugbau der DDR“ (IFA) in Teilen von der Treuhand übernahm und sich in ganzseitigen Werbe-Anzeigen als „Motor im Aufschwung Ost“ präsentieren konnte. Auf dem ehemaligen Werksgelände in der Genshagener Heide wurde vom Konzern 1991 nicht nur mit der „Nutzfahrzeuge Ludwigsfelde GmbH“ (NLG) eine Montage für leichte Daimler-LKWs errichtet, vielmehr übernahm die Daimler-Tochter „mtu“ (Maschinen-Turbinen-Union) den ehemaligen volkseigenen Betrieb „Luftfahrttechnik Ludwigsfelde“ unter der Parole „Der Himmel über Ludwigsfelde hat Tradition und Zukunft“. Der Tradition in Selbstbild und Selbstdarstellung des Daimler-Benz-Konzerns von den Anfängen bis 1945 widmet sich das auf Friedel Malters Biografie folgende erste Daimler-Kapitel: „Es gibt Zeichen, die werden zum Symbol“. 

Werksgeschichte in Erinnerungen und Bildern

Ein zweites Daimler-Kapitel beschreibt die Flugmotoren-Entwicklung des Unternehmens von den Anfängen im Ersten Weltkrieg bis zur Errichtung des modernsten Flugmotorenwerks Europas nach 1936 und seinem Untergang mit der Besetzung durch die Rote Armee am 22. April 1945. Den Abschnitt über die Geschichte des Werks Genshagen, das schon 1934 von Daimler-Benz als „kriegswichtigstes Motorenwerk“ der Nazi-Luftaufrüstung angetragen wurde, und dessen riesenhafte Endmontagehalle in der Planung 1940 „Das neue gigantische Projekt“, in Betrieb dann ab 1942 „Die Deutschlandhalle“ genannt wurde, beschließen Erinnerungen der überlebenden Frauen, die im „Nationalsozialistischen Kriegsmusterbetrieb Genshagen“ ab Oktober 1944 unter der Gewalt der SS-Aufseherinnen in dieser Halle die legendären Flugmotoren der Baureihe DB 601-610 montieren mussten. Bestimmt für den Einbau in Zellen der Messerschmitt-Jäger Me 109 und Me 110 und der Heinkel-Bomber He 110, He 111 und He 177 sollten diese Motoren Tod und Vernichtung über die Heimatländer der Frauen tragen, die Daimler-Männer aus dem KZ-Ravensbrück als letztes Aufgebot des Totalen Kriegs zur Zwangsarbeit an die Heimatfront in Genshagen geholt hatten. 

Vorstellung der Frauen, Anthologie ihrer Erinnerungen und Wiederbegegnungen

Persönlich vorgestellt werden diese Frauen in den folgenden Kapiteln, die auch eine umfangreiche Anthologie ihrer Erinnerungen an alle Stationen zwischen der Vorgeschichte in ihren Heimatländern und ihrer Deportation, Zwangsarbeit, dem Todesmarsch und der Befreiung umfassen. Die Erinnerungen laden dazu ein, die inneren Bilder, die die Frauen aus Genshagen in ihr Leben nach dem Krieg mitgebracht hatten und die sie mir ein halbes Jahrhundert danach im Verlauf unserer Begegnungen in Briefen, Dokumenten, Berichten und Interviews zugänglich machten, neben den Bildern aus dem Zyklus „Deportation“ von 1945 zu reflektieren. Von Edit Kiss schon in Genshagen skizzierte Entwürfe waren von einer SS-Aufseherin konfisziert und vermutlich auch dort vernichtet worden.

Dem langwierigen Prozess des schrittweisen Herauslösens innerer Bilder aus Schmerz, Verdrängung, Abwehr und Widerstand spürt das letzte Kapitel nach: „Wiederbegegnungen mit Genshagen“. Mit den Wunden der Frauen von Genshagen brachen jahrzehntelang tabuisierte Fragen auf. 

Der Kampf um die Zwangsarbeitergeschichte

1969 hatte das Unternehmen gegenüber dem „Comité International des Camps“ geleugnet, jemals KZ-Häftlinge in den Werken von Daimler-Benz beschäftigt zu haben, als der Sekretär des Comités, der Autor und Auschwitz-Überlebende Hermann Langbein, Anerkennung und Abgeltung für polnische Frauen aus Genshagen angemahnt hatte. So wurde eine viel zeitigere und saubere Möglichkeit hintertrieben, den früheren Zwangsarbeiterinnen moralische und materielle Anerkennung zukommen zu lassen, als durch die von Sammelklagen, Boykottaufrufen und Imageproblemen in den USA via Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ drei Jahrzehnte danach erzwungenen Zahlungen. Den Begriff „Entschädigungen“ vermeide ich nach Möglichkeit und verwende ihn ausschließlich im Sinne von Lutz Niethammer, der in diesen Prozess involviert war und der es so formulierte: „Entschädigung ist ja immer nur symbolisch und nicht wirklich Gerechtigkeit.“ Dabei sollte „das Medium des Geldes sozusagen ein Durchgangselement“ bleiben „und als hilfloses Mittel der Ernsthaftigkeit erkannt werden, das in einer komplexen Wahrnehmung der Geschichte überwunden wird“.1

Lutz Niethammers Doktorand Ulrich Herbert wurde noch 1983 mit der dreisten Lüge, „dass für Ihr spezielles Thema in unseren Archivbeständen keine Unterlagen vorhanden sind“, von der Schattenseite des Konzerns mit dem strahlenden Stern ferngehalten, der es auf diese Weise beinahe unbemerkt geschafft hat, dass in Herberts Buch „Fremdarbeiter“ aus dem Jahr 1985 weder die Zwangsarbeiter von Daimler-Benz vorkommen, noch das Unternehmen überhaupt Erwähnung findet – und demzufolge in allen Publikationen zur Zwangsarbeit in Deutschland, die allein auf diesem anerkannten Standardwerk fußen, ebenfalls nicht.

Herbert sah die Gründe für das Handicap seiner damaligen Arbeit deutlich: „Was die Lebens und Arbeitsbedingungen der Ausländer in Deutschland angeht, so besitzen wir dazu nur wenig genaues Wissen. Während die Unterdrückungsund Terrorpolitik der Nazis gegenüber den Ausländern genauer erforscht ist, ist es bislang kaum möglich, sichere Aussagen über die Relationen zwischen dem Terror und dem Alltag eines Ausländers in Deutschland zu treffen. Vor allem die Arbeit und das Problem der Arbeitsleistungen der Ausländer selbst, aber auch die Verhältnisse in den Lagern, die Differenzierungen zwischen den einzelnen Ausländergruppen, Fragen der Ernährung, der Freizeit, der Kontakte untereinander sind ebensowenig geklärt wie die besondere Lage der ausländischen Frauen, die Auswirkungen des hohen Frauenanteils bei den Fremdarbeitern aus dem Osten oder die verschiedenen Formen von Opposition, Widerstand und Kollaboration.“2

Wie er in der Einleitung zu seinem Buch weiter schreibt, sah Ulrich Herbert darüber hinaus voraus, dass ohne ergänzende Oral History-Programme keine befriedigende Forschung zur Zwangsarbeit möglich sei. Noch Mitte der 1980er-Jahre waren, „bis auf Thyssen und Mannesmann, mit jedoch wenig aussagekräftigen Beständen“, nicht nur bei Daimler-Benz „alle Türen zu. [...] Bei insgesamt 40 Anfragen an deutsche Betriebsarchive erhielt ich ansonsten ausschließlich Absagen.“3

Einen mächtigen Markstein zur NS-Konzerngeschichte und zur Erhellung der „Lebensund Arbeitsbedingungen der Ausländer“ bei Daimler-Benz haben die Autoren einer von der „Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts“ 1987 herausgegebenen Publikation gesetzt. Das „Daimler-Benz-Buch“ schreckte den Aufsichtsrat des Konzerns gehörig auf und verhalf seinem Ehrenvorsitzenden Hermann Josef Abs – in Daimler-Genshagen-Diensten schon 1943, später führender Banker im kapitalistischen Nachkriegs-Deutschland – zu der Einsicht, da man „an diesem Buch nicht vorbei“ komme, müsse Daimler jetzt „Entschädigungszahlungen in Erwägung ziehen“.4 Auf über 800 Seiten und mit mehr als 300 Abbildungen hatte eine Autorengruppe um Karl-Heinz Roth die erste umfassende Darstellung („Ein Rüstungskonzern im Tausendjährigen Reich“,„Daimler-Benz von Innen“ und mehrere Kapitel über Zwangsarbeit bei Daimler-Benz) präsentiert. Nicht zuletzt unter dem Druck dieser Veröffentlichung hat der Konzern die Erforschung seiner Zwangsarbeitergeschichte schließlich selbst befördert. Sieben Jahre später (1994) legte die damit beauftragte „Gesellschaft für Unternehmensgeschichte“ (GUG) den Band „Zwangsarbeit bei Daimler-Benz“ vor. 

„Das wahre Dokument der Zeit“

Im ersten großen Interview mit einem ehemaligen russischen Zwangsarbeiter von Daimler-Benz hatte Simon Guljakin im August 1986 Michael Schmid und mir detailliert seine Arbeitsund Lebenswelt in Genshagen geschildert. Mit seinem beiläufigem „Wir waren ja Niemand“ formulierte Simon, was sich in der Folge wie eine schwere Hypothek lange durch meine Arbeit zog. Komplementär formulierte die Warschauer Genshagenerin Henryka Kluka am 50. Jahrestag ihrer Befreiung beim Gang durch die Bäume im Wald von Below, an denen noch immer die von verhungernden Häftlingen gerissenen Wunden zu sehen sind: „Wir waren das wahre Dokument der Zeit.“ Im Jahr 2004 konnte ich die Erinnerungen von Simon den Erinnerungen seines inzwischen 94 Jahre alt gewordenen Hallenleiters in Genshagen gegenüberstellen und für dieses Buch einen fiktiven Dialog aus Originaltönen des russischen Zwangsarbeiters und seines deutschen „Obermeisters“ montieren, die sich tatsächlich 60 Jahre zuvor in und vor der Halle 13 in erregenden Momenten begegnet sind. Auf diese Weise kann Simon, 16 Jahre nach seinem Tod, in diesem Buch noch einmal erzählen, wie der 16-jährige Russe in seinen drei Jahren Genshagen einmal einen 10-Mark-Schein und einmal einen Apfel bekommen hat und dazu bemerkte, „es war das einzige Mal, und das Beste, was ich je erlebt habe“. 

„Innere Bilder“

Schon in einem Marschlied von 1928 wird der Mercedes-Stern als „Deutscher Arbeit Ehrenzeichen“ besungen. „Es gibt nur einen Adel – den Adel der Arbeit“ war von 1939 bis 1945 über dem Eingang zur Lehrwerkstatt im Daimler-Benz Werk Sindelfingen zu lesen. Das vorliegende Buch ist der Versuch, am Beispiel der „Daimler-Benz-Motoren GmbH Genshagen“ einen Prozess nachvollziehbar zu machen, der von den NS-Musterbetrieben mit allen realen und propagandistischen Anstrengungen für „Schönheit der Arbeit“ und „Kraft durch Freude“ im Krieg zu einer „Normalisierung der Barbarei“ geführt hat.5 Über 500 bei DaimlerBenz in Genshagen zu Tode gekommene Menschen liegen auf dem Friedhof von Ludwigsfelde, noch nicht gezählt dabei sind die 130 Opfer des schweren Luftangriffs vom 6. August 1944 und die 19 ermordeten Frauen im Massengrab, die erst zur Wiederkehr der Frauen von Genshagen zum 50. Jahrestag ihrer Befreiung einen Gedenkstein erhalten haben.

Im Februar des Jahres 2010 bin ich noch einmal durch die tief verschneite Trümmerlandschaft in der Genshagener Heide gegangen – wie zum Abschluss einer Epoche meines Lebens, die mich 20 Jahre an diesen Ort gefesselt hat. In meinem Innern verbunden mit Henning Langenheim, der mit seinen Fotoapparaten seit 1991 mein vertrauter Begleiter in dieser Arbeit war, sah ich die Hinterlassenschaft von Daimler-Benz unberührt, so wie Henning sie fotografiert hatte und wie sie in seinen Bildern in diesem Buch zu sehen ist. Auch zu den Sammelplätzen der Deportation von Edit Kiss und Ágnes Bartha in Obuda und Pest ist Henning mit mir gefahren und hat dort fotografiert, er ist Ágnes Bartha und Friedel Malter bei der ersten Ausstellung im „Haus Ungarn“ in Berlin 1994 entlang der Bilderreihe von Edit Kiss gefolgt, er hat die Zusammenkünfte der Genshagenerinnen mit den Managern von Daimler-Benz im „Hotel am Wentowsee“ 1995 beobachtet, er hat die Frauen beim Gang über die erhaltenen Fundamente der „Deutschlandhalle“ ebenso begleitet wie bei der Führung durch die neue Montagehalle der inzwischen zu 100 % zur DaimlerBenz AG gehörenden NLG Ludwigsfelde. Im Nebel von Ravensbrück hat Henning im November 1998 beobachtet, wie Emilia und Stascha mit ihren Rosen auf der Lagerstraße ihre inneren Bilder wieder haben aufsteigen lassen. In den vielen Jahren meiner Arbeit mit den Genshagenerinnen ist dieses Foto „mein Bild“ von Ravensbrück geworden. Es schmerzt, dass Henning seine Fotos nicht in diesem Buch inmitten der vielen Bilder der Frauen von Genshagen sehen kann. Henning Langenheim ist am 6. März 2004 plötzlich verstorben. Seine Frau Veronika und die beiden Töchter Jorinde und Lilli haben im März 2009 für Hennings Freunde Anfangsverse eines Bob Dylan-Songs in eine Bekundung ihrer anhaltenden Trauer gesetzt: „I’ll remember you, When I’ve forgotten all the rest ...“

Julius Christian Bauer (1906 - 1967)
Julius Christian Bauer (1906-1967)
Als Soldat in Russland 1943

Mit diesem Buch erinnern wir uns an die Männer und Frauen, deren Würde, wie auf dem Stein am Ludwigsfelder Massengrab zu lesen steht, in Genshagen „mit Füßen getreten“wurde. Wir können froh und dankbar sein, dass Simon Guljakin, Ágnes Bartha, Friedel Malter und die vielen Frauen aus Genshagen uns in ihre inneren Bildern haben schauen lassen, dass Edit Kiss uns in den Gouachen aus dem „Album Déportation“ „Innere Bilder“ hinterlassen hat, im Versuch, sich von diesen zu befreien. Wir wollen diese Bilder bewahren, sie, auch mit Iván Sándors bedrückender Vision, aufnehmen in die Bildungsarbeit mit Jugendlichen, an Schulen, in Kirchen und Gedenkstätten, wenn die Frauen nicht mehr unter uns sind, und das Echo ihrer Stimmen nicht verstummen lassen, das durch die Trümmer in den Wäldern der Genshagener Heide zu vernehmen ist.

Dieses Buch ist meinem Vater gewidmet.

Helmuth Julius Bauer 

 

1 Lutz Niethammer, „Beschädigte Gerechtigkeit“, in: ders., Ego-Histoire? Und andere Erinnerungs-Versuche, Wien 2002, S. 100

2 Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn 1985. 3. Auflage 1999, S. 19.

3 Ebenda, S. 21.

4 Protokoll der Sitzung des Daimler-Benz Aufsichtsrats vom 27.April 1987.

5 Das Zitat ist der Titel eines Aufsatzes des britischen Daimler-Benz-Forschers Neil Gregor („Stern und Hakenkreuz“, Berlin 1997), der auch zwei Texte für dieses Buch geschrieben hat: „Zweifacher Eroberungsprozess“ und „Vier Tage im April. Oder: Alte Freunde“ [Kap. 8].