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Informationen zu einer für 2014 geplanten Ausstellung über die Reliefs von Edith Kiss im Memorial an der Synagoge in Budapest-Újpest

Der folgende Text ist aus dem 1. Kapitel des Buchs "Innere Bilder wird man nicht los" entnommen (S. 82-94).

Die Reliefs an der Synagoge in Újpest (1947/48)

Im ersten Jahr schon nach der Rückkehr aus dem KZ hatte sich Edit von Tivadar Bán scheiden lassen und Sándor Kiss geheiratet, den Chef und Geliebten aus den Jahren vor der Deportation. Nach den explosionsartig ausgestoßenen Gouachen wandte sie sich wieder der Bildhauerei, der figürlichen Gestaltung, ihrer ursprünglichen Begabung zu. Szenen von Flucht und Vertreibung, von Gefangensein und Frauenfreundschaft gab sie Ausdruck und Form. Für die kurze verbleibende Zeit ihres Künstlerlebens in Ungarn behielt sie den Ehenamen Bán bei.
Nach ersten Entwürfen von Einzelfiguren, Paaren und Familiengruppen macht sich Edit an eine Arbeit, die ihr bildhauerisches Hauptwerk werden sollte. Sie entwirft eine vierteilige Relief-Reihe für die Synagoge der nach dem Krieg eingemeindeten Vorstadt Újpest, dem heutigen IV. Bezirk von Budapest. In die Außenseite der hohen Mauer, die Innenhof und Synagoge zur József Attila utca hin umfasst, sind im oberen Teil vier große Relief-Tafeln eingelassen, auf denen die Künstlerin in Stein gehauene Figurengruppen auf dem Deportationsweg zeigt, bei der Zwangsarbeit, im Vernichtungslager, schließlich auf den Knien vor den zu ihrer Befreiung erschienenen Sowjetsoldaten. Auf der Innenseite der Mauer, zum Hof hin, sind in Steinplatten jüdische Namen und das Alter von mehr als 16 000 Einwohnern von Újpest eingemeißelt, die nicht aus der Deportation zurückgekehrt sind.
Die gesamte Anlage ist eines der frühesten Bauwerke für Erinnern an den Holocaust, für Gedenken, Mahnen – und ein rätselhaftes dazu: Der Wettbewerb für die Errichtung dieses Mahnmals hatte keine bildhaften Darstellungen vorgesehen, und im preisgekrönten Entwurf waren auch keine solchen enthalten. Vielleicht orientierte man sich zunächst an dem Gebot, demzufolge an jüdischen Tempeln keine Abbilder von Menschengestalt anzubringen sind.
Wie Edit Bán Kiss, die weder aus Újpest stammte, noch dem jüdischen Glauben gemäß lebte, noch sich nach der Rückkehr aus dem KZ in der Synagoge am Bethlen tér, der Anlaufstelle für jüdische Überlebende, hatte registrieren lassen, dennoch zu diesem Auftrag kam, ist mysteriös. Möglich scheint, dass ihr neuer Ehemann Dr. Sándor Kiss, der aus Újpest stammte und dessen Bruder auch noch nach dem Krieg dort wohnte, seinen Einfluss geltend gemacht hat und so seiner Geliebten und neuen Ehefrau einen Auftrag für ihre bildhauerische Erinnerungsarbeit verschaffen konnte.
Die verzweigten Pfade der Recherche zu Vor- und Entstehungsgeschichte des Denkmals bei früheren Bewohnern von Újpest, beim ehemaligen Rabbiner der Újpester Synagoge, in den Büchern und Dokumenten der Jüdischen Gemeinde, ja selbst noch bei der 1. Preisträgerin des Wettbewerbs brachte keine Antwort auf diese Frage – wohl aber einiges Licht in das Verstehen des Umgangs mit der Geschichte des Holocaust im Ungarn der ersten Nachkriegsjahre, in der kurzen Zeitspanne zwischen Edits Heimkehr aus dem KZ und der für ihr weiteres Leben so folgenschweren Entscheidung, mit ihrem zweiten Ehemann Sándor Kiss in den Westen zu gehen.
„Újpest war die letzte Stadt in Ungarn – die Hauptstadt Budapest ausgenommen –, deren jüdische Einwohner noch Anfang Juli 1944 in Güterwaggons deportiert wurden, wie zuvor schon alle Juden aus der ungarischen Provinz“, erzählt Katalin Hegyesi, die als 18-Jährige zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester als einzige Überlebende ihrer Újpester Familie aus der Deportation zurückgekommen war. „Wir waren 20 000 Juden in Újpest, und kaum 3000 kamen wieder nach Hause. Wir hatten einen wunderbaren Rabbiner in Újpest, als wir noch Kinder waren. Als wir 1945 zurückkamen, suchten wir unseren Rabbiner Dénes vergeblich. Später haben wir erfahren, was er in Auschwitz noch Gutes getan hat für die, mit denen er schließlich in den Tod gegangen ist.“
Die Újpester Synagoge war während der Deportation der Újpester Juden im Juli 1944 zunächst unangetastet erhalten geblieben. „In its full splendor“ – „in ihrer ganzen Pracht“, wie es im Vorwort zur Gemeinde-Chronik heißt. Nach dem Szálasi-Putsch wurde sie im Oktober 1944 von Pfeilkreuzlern verwüstet.
„Nach dem Krieg wurde ein alter Freund von mir Rabbiner, ein Jugendfreund, beinahe eine Jugendliebe“, erzählt Katalin Hegyesi, ein klein wenig verlegen. „Er hatte eine fantastische Stimme. Wenn er sprach oder in der Synagoge sang, war die ganze Jugend von Újpest, die noch am Leben war, dort; und alle gafften ihn an und hörten ihm zu. Er hatte das Leben sehr gerne, und er hat uns sehr gerne gehabt. Er ist ja mit uns aufgewachsen. Er war es, der 1948 die Gedenkstätte eingeweiht hat.“
Katalins jüdischer Jugendfreund Miklós Mermelstein1, der nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen und der Rückkehr aus der Deportation den ungarischen Namen Murányi annahm, wurde, nachdem so wenige Juden nach Újpest zurückgekommen waren und Rabbiner Dr. Imre Kepes im Juni 1946 seine Alija nach Israel vollzog, schon in jungen Jahren zum Oberrabbiner in Újpest gewählt. Unter seinem Rabbinat wurde die Synagoge wieder aufgebaut.
Die Suche nach Zeugen für die Ausschreibung des Wettbewerbs, für die Errichtung und die Einweihung des Denkmals führte über Katalin Hegyesi und den ehemaligen Rabbiner, die hierüber keine Angaben machen konnten, zu Marianne Kőrössy, deren Entwurf im Wettbewerb den 1. Preis gewonnen hatte.
Aus Marianne Kőrössys Familie sind nur ihre Mutter, eine Schwester und sie selbst aus Deportation und Zwangsarbeit zurückgekommen. Marianne war, 1922 geboren, nicht im jüdischen Glauben erzogen worden und gehörte auch vor der Deportation nicht zur Újpester Gemeinde. Nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen und dem Beginn der Deportationen aus der Provinz hätte sich die Familie im Frühjahr 1944 bei Weinbauern am Balaton verstecken können. „Aber der Vater sagte, gehen wir mit und arbeiten wir bis der Krieg zu Ende ist.“ Es ging aber nicht zur Arbeit. An der Rampe von Auschwitz wurde die Familie getrennt. Der Vater starb im Gas. Die Mutter und beide Töchter kamen von Auschwitz über Bergen-Belsen schließlich zur Zwangsarbeit in einen Rüstungsbetrieb bei Magdeburg. Marianne spricht gut über deutsche Zivilisten, von denen die Frauen Hilfe bekamen. Sie bewundert die Deutschen, „wegen ihrer Kultur“, und nennt Goethe und Schiller zuerst. Eine Architektin wurde zwar nicht aus ihr, dafür eine international bekannte Sopranistin mit einem vielgestaltigen klassischen Repertoire.
Bei unserer ersten Begegnung im Januar 1996 erzählte Marianne in ihrer Wohnung, die sie, nahe der Donau gelegen, zusammen mit ihrer 93 Jahre alten, kranken Mutter bewohnte, wie es zum Denkmal in Újpest kam. Ihr Vater war Architekt gewesen, die Tochter hat auch Architektur studiert, aber 1946 noch keine praktische Erfahrung gehabt: Das Ehrenmal war das erste Bauwerk, das sie entworfen hat. Marianne betrachtet es immer noch als „ein wahnsinnig großes Glück“, dass von den Entwürfen, die eingereicht worden waren, derjenige ausgewählt wurde, den sie zusammen mit ihrem Studienkollegen János Bonta erarbeitet hatte.

  • „Als 1946 in Újpest ein Wettbewerb für ein Denkmal ausgeschrieben wurde, war es meine Idee, dass wir uns daran beteiligen sollten. Ich weiß nicht einmal, wo sie das Geld dafür gefunden haben, denn die Gemeinde war nicht nur sehr klein geworden, sondern auch sehr, sehr arm. Aber man wollte, dass ein Gedächtnis für die Verstorbenen bleibt. Es war keine Voraussetzung, dass Namen aufgeschrieben sein sollen, aber wir haben gemeint, dass es das Schönste ist, wenn die Namen von denjenigen, die nicht nach Hause gekommen sind, eingeschrieben sind. Wir haben unsere Zeichnungen hingegeben, und natürlich war die Ausführung nicht unsere Sache, sondern das hat ein gewisser Imre Fodor gemacht. Ich weiß nicht, wie die Edit Kiss da hereingekommen ist, und es hat mich auch gekränkt, dass ich mit ihr nicht zusammentreffen konnte. Ich habe gedacht, als die Gestalter des Denkmals hätten wir es verdient, dass eine künstlerische Äußerung wie ein Relief auch mit uns besprochen werden sollte.“

Nach fünf Jahrzehnten kann es Marianne Kőrössy noch immer nicht verwinden, dass das Denkmal an der Außenmauer nicht ihrem preisgekrönten Entwurf entsprechend ausgeführt, sondern, ohne sie einzubeziehen, mit den Reliefs von Edit Kiss versehen wurde. „Wir hatten an eine durchgehende Girlande gedacht, aber gemacht wurde ein Relief mit vier verschiedenen Etappen. Und wenn es schon so sein sollte, so denke ich, dass zwischen den einzelnen Bildern ein Zitat aus der Bibel hätte stehen sollen. Aber als ich es zum ersten Mal gesehen habe, war es eben anders gemacht und man hat es nicht mehr ändern können.“
Ob Edit Kiss ihre Reliefs noch in die Mauer mit den Namen der Toten eingelassen gesehen hat? Von den überlebenden Beteiligten war das so wenig zu erfahren wie Hinweise darauf, wie es überhaupt zu dieser Ausführung des Denkmals gekommen ist. Auf einem Foto, das Edit 1947 an die Freundin aus dem KZ Friedel Malter geschickt hatte, sind die vier Tafeln untereinander montiert zu sehen; vermutlich ist die Aufnahme entstanden, bevor sie in der Mauer eingelassen wurden. Dass Edit aber die Reliefs für diesen bestimmten Ort geschaffen hat, ist eindeutig daran zu erkennen, dass die erste Tafel der an dieser Stelle abgerundeten Mauer entsprechend gewölbt ausgeformt ist.
Friedel Malter war als Delegierte aus der DDR in den 50er- und 60er-Jahren mehrfach in Budapest. Sie fand niemanden, der ihr etwas zum Standort der Reliefs sagen konnte. Nach den Wiederbegegnungen zum 50. Jahrestag der Befreiung hat Ágnes Bartha die 93-jährige Friedel Malter im Sommer 1995 zur Synagoge in Újpest geführt.

 

„Wo ist der Poet, der es in Sätze fassen kann, und wo des
Malers Pinsel, der das Bildnis dieses Leichenzuges verewigen könnte?“
(25. Juli 1948)

Mit einem Wort des Propheten Jeremia begann der Újpester Oberrabbiner Miklós Murányi bei der Einweihung des „Denkmals der jüdischen Märtyrer“ am 25. Juli 1948 seine Ansprache:

„Ach wäre nur mein Haupt die Quelle tiefen Wassers und mein Auge eine unversiegbare Flut heißer Tränen, damit ich Tag und Nacht die Gefallenen meines Volkes beweinen könnte.“


Murányi bezieht sich hier auf das Alte Testament, Jeremia 47 Vers 2: „So spricht der Herr: Siehe es kommen Wasser herauf von Mitternacht, die eine Flut machen werden und das Land und was darin ist, die Städte und die, so darin wohnen, wegreißen werden, so dass die Leute werden schreien, und alle Einwohner im Lande heulen.“

„Wir stehen hier bei der Einweihung des Denkmals mit den Worten von Jeremia auf unseren Lippen – und die furchtbaren Ereignisse werden wieder lebendig in heutiger Erinnerung. [...]
Alle Tage und alle Nächte eines Menschenlebens wären nicht lange genug, die Verwüstungen zu beweinen, die ein einziges Jahr [1944/45] angerichtet hat. Zu Dir Jude und Mensch, der Du hergekommen bist zum vierten Jahrestag, redet der Prophet. Du bist gekommen, dass sich Deine Seele weinend der Juli-Tage von 1944 erinnert, als aus dieser Stadt mehr als 17 000 Deiner Blutsbrüder auf den Weg in den Tod geschickt wurden. Wie Mörder wurden unsere Blutsverwandten vor den Bajonetten der Gendarmen durch die Stadt getrieben.
Wo ist der Poet, der es in Sätze fassen kann, und wo ist des Malers Pinsel, der das Bildnis dieses Leichenzuges verewigen könnte? Weinende Säuglinge, kleine Kinder, an der Mutter hängend, beinahe zusammenbrechende Alte, schwache Frauen, eine unendliche Reihe marschiert, zitternd vor Angst, in die Ungewissheit.
Gegenüber diesen Ungeschützten waren die ‚Helden‘ die Soldaten des Hasses, die faschistischen Horden, denn sie haben triumphiert.
Unsere Männer schmachteten im Arbeitslager, und in Sträflingsketten erfuhren sie, wie man ihre Eltern, Frauen und Kinder in den Schlachthof schickte.
Gottes Stimme schreit durch die irrsinnige Welt: Mensch, wo bist Du? Wohin ist verschwunden der Mensch, den GOTT ZU SEINEM BILDE schuf, wo ist die Barmherzigkeit des Herzens und wo das Gefühl der Seele?
Wo waren die Mütter, die Kinder auf die Welt bringen, dass sie protestiert hätten gegen den Mord an jüdischen Säuglingen?
Wo waren die Lokomotivführer, die sich geweigert hätten, die Deportationswaggons in Bewegung zu setzen?
Wo waren Mitgefühl und Solidarität der nichtjüdischen Bürger, dass sie freiwillig den gelben Stern getragen hätten? Wo waren die Mitmenschen, die Verfolgte versteckt hätten, wo waren die Richter, die satanische Gesetze sabotiert hätten?
Gottes Stimme rief: Wo bist Du Mensch? Aber die Stimme rief in die Wüste, in die Wüste der Seelen. Die christlichen Gottesdiener haben die Stimme Gottes nicht gehört, in ihren Kirchen verbreiteten sie keinen Fluch gegen die, die das 6. Gebot mit Füßen traten, und sie sandten ihre gesegneten Worte nicht zu denen, die versuchten, unter Lebensgefahr Leben zu retten, die das Gebot erfüllten, seinen Nächsten zu lieben. Nur winzige Lichter gab es inmitten großer Finsternis. Nur einige wahre Menschen konnte man finden, wie zwischen den vielen Sündern in Sodom. Nur wenige gab es, bei denen Gottes Wort in der Seele ein Echo fand und die diesem Wort folgten, um ihren Mitmenschen zu helfen.
Nicht nur unter den Verfolgten waren die Opfer, sondern auch bei denen, die geholfen haben, und die Erinnerung an sie ist für uns eben so teuer wie die an unsere Blutopfer. Aber leider kam die Kraft der Liebe nur hier und da hervor, es waren kaum sichtbare Inseln in einem Meer von Hass. Die Liebe war weggespült durch die entsetzliche Flut der menschlichen Grausamkeit. Die Erde, die Gott dem Menschen als Garten Eden gab, wurde verflucht durch das immens viele Blut der unschuldigen Opfer.
Vier Jahre sind vergangen seit dieser Tragödie, vier Jahre des Nachdenkens und vier Jahre Schmerz. Der Kampf um das Leben und das Weinen um unsere Verstorbenen hat dieses Denkmal errichtet. Wen der natürliche Tod wegreißt von den Lebenden, um den trauern wir in der Stille, aber um diese Toten, deren Namen hier geschrieben stehen, tragen wir Schmerz bis an unser Lebensende, weil wir überlebten, was sie Schreckliches mitgemacht haben. Das spüren wir bis heute. In unseren Alpträumen schrecken wir hoch und hören das Kreischen der Waggons, das Knallen der Peitschen, die letzten Schreie unserer Leidenden. Und neben den Toten trauern wir auch um uns selbst. Um die Kinder, die ihre Kindheit verloren haben, und um die Jungen, die jung schon alt geworden sind in der Seele. Und um alle jene, die zum Leben verurteilt sind und denen ihr Glauben an das Leben erschüttert ist.
Doch meine Brüder und Schwestern alle, wir müssen den Weg heraus aus unserer Trauer finden, damit wir die Gedanken auch auf die Zukunft richten können. Wir müssen diesen Weg finden, welcher trotz unserer verletzten Gefühle weiter führt, sodass wir die Lehre daraus ziehen können. Die vielen tausend eingravierten Namen auf den Tafeln sollen uns nicht nur auf den Tod verweisen, sondern auch auf das Leben.
Dieses Denkmal ist nicht auf dem Friedhof, sondern neben der Kirche im öffentlichen Raum, weil unsere verstorbenen Opfer von uns erwarten, dass wir nicht nur am Jahreswechsel und an den Gedenktagen mit schmerzlichen Worten über sie sprechen. Sie sind auch mit uns an den Wochentagen, beim Arbeiten, sie sind dabei, wenn Familien sich neu gründen und bei der Geburt von neuem Leben. Ihre unsichtbaren Hände wischen unsere Tränen ab, sie geben Kraft den Verzweifelten und sie bringen Erfolg in die Arbeit unseres Lebens. Die Erinnerung an sie können wir nur behalten, indem wir neues Leben schaffen, ein schöneres und ein besseres. Damals kämpfe man mit dem Gewehr, doch heute mit der Kraft der Überzeugung gegen das Gespenst der vergangenen Zeiten.
Wir müssen klar verstehen, dass für unsere Tragödie erstens die verantwortlich sind, die in den letzten Jahrzehnten die Führung hatten, die über das Schicksal der Einwohner dieses Landes bestimmten. Die dünne Schicht der Herrschenden hat Millionen Menschen, die schwer arbeiten mussten und sich plagten, mit zusätzlichem Antisemitismus verblendet, damit sie den wahren Grund ihrer Not nicht sahen. Da sie fürchten mussten, dass die Wut des Volkes sich gegen sie richten würde, haben sie Wut gegen die Juden tropfenweise in das Herz des Volkes geträufelt, indem sie sagten: An allem ist der Jude schuld ...
Die Flamme der Wut haben sie noch dadurch geschürt, dass sie dem Volk Hoffnung machten, nicht länger mehr in Not leben zu müssen, wenn sie ungehindert die Wohnungen der ermordeten Juden rauben könnten.
Meine Trauergemeinde! Das war die Vergangenheit. Die Blendung und die Hetze, die zum Himmel schreiende Sünde dieser Vergangenheit, wegen der nicht nur Tausende von Újpest Märtyrer geworden sind, sondern Hunderttausende aus unserem Land und Millionen aus ganz Europa, hat diese Zeit zur Schande der ganzen Menschheit gemacht. Gegen diese Vergangenheit kämpfen heute die, die mit der Befreiung des Menschen und mit Menschenrecht nicht Scheinheiligkeit und Frömmelei meinen, sondern dass mit der Verwirklichung von Menschlichkeit und durch eine Erziehung der Menschheit der Hass aus den Herzen der Menschen ausgelöscht wird.
Für die Überlebenden des Volkes Israel, für alle, die dem Tode entkommen sind, kann es keinen anderen Weg geben als den Kampf gegen den Geist der Vergangenheit. Die Erinnerung an unsere Märtyrer macht uns zur Pflicht, dass wir auf der Seite der Unterdrückten ein neues Leben bauen und im Namen der Demokratie allen anständigen Menschen ein freies Leben sichern, wo Auschwitz kein Haltepunkt ist.
Der Geist unserer Märtyrer zeigt uns auch einen Weg für die Juden auf: Wir müssen uns trennen von der verfluchten Erbschaft der Vergangenheit – von dem jahrhundertelangen Unterlegenheitsgefühl müssen wir uns befreien. Wir können in der Demokratie das Leben ohne Furcht und in Frieden und Freiheit leben, wenn wir uns als selbstbewusste Juden halten. Wir sollen nicht dem Weg der Schwachen folgen, die sich heute noch nicht vorstellen können, dass die Juden ebenso ein Menschenrecht auf Freiheit haben wie alle anderen Menschen auch.
Der heutige Tag, der 17. Tamuz [Fastentag zur Erinnerung an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem] ist nicht nur ein Trauertag für die Újpester Juden. Ganz Israel trauert um die Vernichtung Jerusalems vor 2000 Jahren. Wir müssen verstehen, dass die ganze Tragödie schon 2000 Jahre dauert, die schreckliche Vernichtung unserer Lieben ist auch ein Ergebnis der alten Vernichtung des jüdischen Volkes. Seitdem bedeutet Jude zu sein auf der ganzen Welt ein Schicksal, weil die Menschheit, die sich in Zwietracht gegeneinander aufreibt, auf der ganzen Welt verstreute Juden hinterlässt, die ihre Heimat verloren haben.
Der neue Judenstaat ist verpflichtet, die Flucht der 3. Galut [das seit 2000 Jahren andauernde jüdische Exil, das verstreute Leben in der Diaspora; in der traditionellen jüdisch-philosophischen Terminologie verstanden als göttliche Strafe] zu beenden. Der Staat Israel schickt das Wort des Trostes zu uns, er gibt Heimat den Heimatlosen, Schutz den Schutzlosen und verbreitet Lebenslust und jüdische Kultur für die auf der ganzen Welt verstreut lebenden Juden. Es ist kein Zufall, dass die Gründung des neuen Israel zuerst von den Volksdemokratien unterstützt wird. [Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948] Das ist das Wenigste, was wir dem Andenken unserer Märtyrer schulden, sagte der erste Präsident Ungarns [Zoltán Tildy, 1945–1946 Ministerpräsident, nach Abschaffung des Königreichs 1946 erster Präsident der ungarischen Republik].
Um dem Andenken der unvergesslichen Märtyrer des Judentums treu zu sein, müssen wir unsere Pflicht gegenüber Israel erfüllen. Die Märtyrer sind für ihr Judentum gestorben, und uns ist die Gelegenheit gegeben, dass wir dafür leben sollen.
Wir können unser Seelengleichgewicht nur dann wiederfinden, wenn wir diesem doppelten Weg der Volksdemokratie und des positiven Judentums folgen. Nur so können wir hoffnungsvoll in die Zukunft sehen. Wir verzeihen den Mördern nicht, aber wir strecken unsere Hand zum Frieden aus auch zu denen, die früher verirrt waren und deren Gleichgültigkeit unsere Tragödie mit ermöglicht hat. Wir strecken unsere Hand zum Frieden aus auch zu all denen, die sich getrennt haben vom Geist der Vergangenheit und die heute das Problem der trauernden Judenheit verstehen.
Sie sollen den Hass aus ihrem Herzen nehmen, auf dass wir gemeinsam eine Welt der Liebe und der Gerechtigkeit bauen können.
Liebe Gemeinde! Die weinenden Worte des Propheten Jeremia kamen auf unsere Lippen in der ersten Minute der Erinnerung, aber nach den Lehren aus der Tragödie sollt Ihr auch die tröstenden Worte des Propheten Jesaja hören [erst hebräisch, dann übersetzt]: Ich nehme den bitteren Kelch aus Israels Hand, denn das Volk Israel hat ihn bis zum Ende geleert. [An dieser Stelle bezieht sich der Rabbiner auf das Alte Testament, Jesaja 51, Vers 17: ‚Wache auf, wache auf, stehe auf Jerusalem, die Du von der Hand des HERRN den Kelch seines Grimms getrunken hast.‘]
Meine Gemeinde, dieses Denkmal soll ein Symbol der Erfüllung der prophetischen Worte sein. Der in Stein gravierte Schmerz soll den Schmerz der Herzen lindern, und in der Einweihungsstunde beten wir, mit der Hoffnung in Gott und mit der Hoffnung in die Zukunft, zum Herrscher über unser Schicksal [wieder zuerst hebräisch, dann übersetzt]: Gott unser König, nimm Du den Kelch von denen, die in Treue zu Dir den Märtyrertod auf sich genommen haben. Gib, dass leiden nie mehr Schicksal der Juden sein soll, dass der Alte, der sein Kind verloren hat, wieder ein Kind bekommt, dass die Waisen, die ihre Eltern verloren haben, neue Eltern finden in der Jüdischen Gemeinde und im Verständnis aller Menschen. Und lindere unsere Schmerzen durch Deine Gnade, und stärke unseren Glauben. Amen.“

 

1 „Miklós Mermelstein wurde am 28. Februar 1921 in Szombathely geboren. Nach Bergen-Belsen kam er am 14. Dezember 1944 aus Budapest. Er gehörte zu den Ungarn, die darauf hofften, ähnlich wie die Kasztner-Gruppe, gegen Zahlung eines Lösegeldes in die Freiheit zu gelangen. Dieser Austausch kam jedoch nicht mehr zustande und bei der Räumung des Austauschlagers wurden auch die Ungarn mit in Richtung Theresienstadt transportiert. Von den drei Zügen wurde einer am 13. April 1945 bei Farsleben durch die Amerikaner, ein zweiter am 23. April 1945 bei Tröbitz von den Russen auf der Strecke befreit. Der dritte Zug erreichte tatsächlich Theresienstadt, das am 8. Mai 1945 befreit wurde. Miklós Mermelstein soll jedoch nicht mit den Räumungstransporten das Lager verlassen haben, sondern in Bergen-Belsen befreit worden sein. Einen schriftlichen Beleg dafür habe ich aber nicht finden können.“ Elfriede Schulz, Archiv Bergen-Belsen, am 30. Januar 2010 an den Autor.