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Kapitel 8

Seiten 631-636:

Rede von Helmuth Bauer auf der Daimler-Hauptversammlung im ICC Berlin, 2000

„Sehr geehrte Damen und Herren,
mein Name ist Helmuth Bauer. Ich bin nicht mehr Aktionär von DaimlerChrysler – vielmehr vertrete ich Herrn Holger Rothbauer von den ‚Kritischen Aktionären‘, der einen Antrag auf Nicht-Entlastung des Vorstands betreffend ‚Zwangsarbeit‘ gestellt hat – der ‚Gegenantrag‘ von Herrn Rothbauer zu Punkt 3 der Tagesordnung liegt Ihnen vor.
Vor 14 Jahren war ich noch Aktionär von Daimler-Benz, und zwar Belegschaftsaktionär: Bis Ende 1985 habe ich in den Daimler-Werken Untertürkheim und Mettingen als Maschinenschlosser im Werkzeug- und Sondermaschinenbau gearbeitet.
Seit zwei Jahren arbeite ich jetzt an einem Buch über die Frauen, die 1944/45 im KZ-Außenlager ‚Daimler-Benz Genshagen‘ in Ludwigsfelde Zwangsarbeit leisten mussten. Die Arbeit an dieser Publikation wurde von Daimler-Benz durch eine Spende von 20 000 DM mitfinanziert.
Neben mir steht die jüdische Ungarin Frau Ágnes Bartha, die soeben ein Grußschreiben der Gruppe der ‚Genshagenerinnen‘, die in den vergangenen Tagen wieder von Daimler-Chrysler nach Ravensbrück und Ludwigsfelde eingeladen worden waren, an die Herren Dr. Gentz, Dr. Ulsamer und Dr. Nübel überreicht hat. Wie Sie vernommen haben, ist Frau Bartha dem Unternehmen seit 1988 als ehemalige Zwangsarbeiterin in Genshagen bekannt. Als Daimler-Benz 1986 sein 100-jähriges Firmenjubiläum feierte, habe ich auf der Hauptversammlung den folgenden Antrag gestellt:
‚Ich beantrage, dass die Firma der aufwendigen Werbung für ein Jubiläum eine Anzeige hinzufügt und in allen Heimatländern ehemaliger Zwangsarbeiter die noch Lebenden auffordert, sich zu melden, und sie moralisch und materiell in ihr Recht setzt.‘
Herr Dr. Gentz, Sie hätten Ihrem Unternehmen weltweit ein großartiges Image verschafft, hätten Sie damals diesem Antrag zugestimmt. Sie hätten der ganzen deutschen Wirtschaft ein Beispiel für den Willen zur ‚Versöhnung‘ vorgegeben. Und Sie hätten Tausenden von ehemaligen Daimler-Zwangsarbeitern Verbitterung und großes Leid erspart, die heute 55 Jahre lang darauf warten, dass ihnen der damals von Daimler-Benz vorenthaltene Arbeitslohn nachgezahlt wird.
Die paar Mark, die Daimler-Benz damals pro Tag und Zwangsarbeiter an die SS bezahlte, waren nicht mehr als der Firmenbeitrag dafür, dass SS-Wachmannschaften in die Werkshallen kamen und die letzte Arbeitskraft aus Menschen herausprügelten, die zuvor von Daimler-Leuten in den KZs für den Einsatz in ihren Betrieben ausgesucht worden waren.
Ab 1944 hat die Firma so gut wie nicht mehr in Produktionsanlagen investiert und das Kapital für den Nachkriegsaufschwung gerettet. Die Zeche hatten die Zwangsarbeiter durch immer barbarischere Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch Daimler-Benz zu bezahlen. Der englische Historiker Neil Gregor, Autor des Buches ‚Stern und Hakenkreuz‘ – gemeint ist das Wahrzeichen Ihres Unternehmens und seine Verstrickung in die Nazi-Barbarei – hat das als Ergebnis seiner Forschungen knapp so formuliert: ‚Daimler-Benz hat seine Haut auf Kosten der Zwangsarbeiter in den Nachkrieg gerettet.‘
Auf dem Gemeindefriedhof in Ludwigsfelde liegen seit 1947 neunzehn ermordete Frauen, die aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück von Daimler-Leuten nach Genshagen geholt worden waren. Und 501 ermordete oder bei der Zwangsarbeit gestorbene Ostarbeiter von Daimler-Benz. SeitdreiWochenmussmanjetztauchnochdieseSchreckenszahlennachobenkorrigieren: Weil das Ehrenmal für die ‚391 bei Ludwigsfelde gefallenen sowjetischen Soldaten‘ dem Autobahnausbau am südlichen Berliner Ring weichen musste, bekam der Brandenburger Umbetter Erwin Kowalke die Aufgabe, die Gebeine vom Ehrenmal an der Autobahn auf den Gemeindefriedhof Ludwigsfelde umzubetten. Herr Kowalke macht solche Arbeit seit Jahrzehnten, und er erkennt an den winzigsten Knochen- und Kleiderresten nicht nur Geschlecht und Alter der Toten, sondern auch, ob sie tatsächlich zum Beispiel sowjetische Soldaten waren.
148 waren es nicht. ‚148 Unbekannte‘ steht jetzt auf Russisch für diese Toten am Ende der neuen Namenstafeln. Sehr viele waren junge Frauen. Ohne Zweifel für den Umbetter Kowalke auch Zwangsarbeiterinnen von Daimler-Benz, in und um Ludwigsfelde gab es damals nichts anderes als Daimler-Benz. Und: ‚Zehn waren Kinder, zwischen einem und zwei Jahren alt.‘
Jahrzehntelang, noch 1969, hat Daimler-Benz glattweg geleugnet, KZ-Häftlinge beschäftigt zu haben. Damals lebten nach meinen Schätzungen noch etwa 20 000 ehemalige Zwangsarbeiter von Daimler-Benz. Als Sie 1986 meinen Antrag abgelehnt haben, mögen es noch 10 bis 15 000 gewesen sein. Einige von ihnen habe ich kennengelernt, und – zum Teil mit Unterstützung dieses Hauses – versucht, ihnen in Ausstellungen und Filmen Namen, Gesicht und Würde wiederzugeben.
Da war Simon Guljakin, als 16-jähriger Russe 1942 aus seiner Heimat nach Genshagen verschleppt, wo er drei Jahre lang derart hungerte, gequält und geschunden wurde, dass Simon bis zu seinem Tod vor einigen Jahren seinem knabenhaften Körperbau nicht entwachsen war. Im 1986 für das Daimler-Benz-Buch geführten Interview hat Simon gesagt:
‚Wir waren ja Niemand.‘
Da war Maria Walachowska, die bei Dreharbeiten zum Film ‚Der Stern und sein Schatten‘ 1992 in Warschau so verbittert über ihre lebenslangen Leiden als Folge von KZ-Haft und Zwangsarbeit war, dass sie uns in die Kamera sagte: ‚Ich würde nie im Leben nach Deutschland fahren. Überhaupt hasse ich die Deutschen.‘
Einige Monate danach ist Maria gestorben. Sie sehen Marias Porträt im Berichtsheft der ‚Kritischen Aktionäre‘ auf Seite 6 ganz links in der Gruppe der Warschauer ‚Genshagenerinnen‘, wie sie sich selbst nennen, weil sie sich als von dieser Firma im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück ausgewählte ehemalige Arbeiterinnen von Daimler-Benz betrachten – und Daimler-Benz als ‚ihre Firma‘.
Da war Maria Kozłowska, die 1997 nach Deutschland fuhr, auf Einladung von Daimler-Benz, und uns über die von Daimler-Benz geförderte Genshagen-Ausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück schrieb:
‚Uns demütigte besonders die Tatsache, dass wir gezwungen waren, Teile für die Flugzeugmotoren herzustellen, die zur Vernichtung unserer Städte und ihrer Bewohner bestimmt waren.‘
Wenige Wochen später wachte Maria eines Morgens nicht mehr auf.
Da war die Freundin von Ágnes Bartha, die ungarisch-jüdische Bildhauerin und Malerin Edit Kiss, die 1945 in einer Serie von 30 Gouachen ihre traumatischen Erinnerungen an die KZs von Ravensbrück und Daimler-Genshagen zu bannen suchte – und die sich 1966 in einem kleinen Hotel in Paris das Leben nahm.
Da war Mireille Mallet, die französische Lehrerin, die 1948 ein Buch über Genshagen – ‚Sous le signe du triangle‘ – geschrieben hat und die 1989 starb.
Da waren die Russinnen und die Ukrainerinnen und die Tschechinnen und die Slowakinnen und die Jugoslawinnen und die Griechinnen – ich könnte so bis heute Abend mit Namen und Lebensgeschichten fortfahren, und hätte doch nur die kleine Schar der Frauen benannt, deren Schicksal wir in Recherchen allein zum Werk Genshagen von Daimler-Benz erfahren und dokumentieren konnten.
Wir haben uns zu Beginn dieser Hauptversammlung – wie jedes Jahr zu Ehren der im Berichtszeitraum verstorbenen Belegschaftsangehörigen – erhoben. Ich bitte Sie, sich auch zu einer Minute des Gedenkens für die ermordeten und gestorbenen Zwangsarbeiter von Daimler-Benz von Ihren Plätzen zu erheben.“


Nach einem Moment der Irritation auf dem Podium erheben sich Vorstände, Mitglieder des Aufsichtsrats und nach und nach alle Anwesenden.
Hier war die Redezeit zu Ende, die kurz vor meinem Beitrag „infolge der Vielzahl noch vorliegender Wortmeldungen“ von zehn auf fünf Minuten eingeschränkt worden war, und ich konnte den folgenden Teil der Rede nicht mehr vortragen.


„Aber noch leben Frauen in ganz Europa verstreut, die als KZ-Häftlinge Zwangsarbeit für Daimler-Benz leisten mussten.
Wir haben gerade vier Tage lang eine Gruppe aus Warschau, Budapest, London und Berlin begleitet, die DaimlerChrysler zum 55. Jahrestag ihrer Befreiung zu den Feierlichkeiten nach Ravensbrück eingeladen hat. Vier dieser Frauen sehen Sie auf dem Foto im Heft der Kritischen Aktionäre. Das Foto ist allerdings von 1992, und andere Gesichter sind längst aus dem Kreis der ‚Genshagenerinnen‘ verschwunden. Die Frauen jedoch, die noch immer leben, die so gesund sind, dass sie noch nach Deutschland reisen können – und wollen –, diese Frauen sind ratlos und wütend.
Aus drei Gründen:
Erstens: Im Jahr 1988 hat zuerst Ágnes Bartha und in den folgenden Jahren haben auch die Warschauer Genshagenerinnen immer wieder gefordert, dass ihnen ihr Arbeitslohn für 1944 und 1945 ausbezahlt wird. Wohlgemerkt: Der Lohn für ihre zwangsweise geleistete Arbeit, nicht irgendeine ‚Entschädigung‘.
Vor einem Jahr haben die Frauen schließlich Klage gegen die Daimler-Benz AG auf ‚Lohn-Nachzahlung‘ beim Arbeitsgericht Stuttgart eingereicht. Um die 10 000 DM für jede hat ihr Anwalt Dr. Andreas Remin den Arbeitslohn für die neun Monate in Genshagen beziffert, wohl wissend, dass es sich dabei um den bloßen Faktor Zeit x üblicher Stundenlohn ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Umstände handelte. Die Klage ging ‚nichtbefasst‘ zunächst durch die Instanzen, und neun Monate später hat schließlich das Bundesarbeitsgericht die deutschen Arbeitsgerichte für ‚nicht zuständig‘ erklärt.
Ich zitiere aus dem ‚Beschluss‘ des BAG vom 18. Februar 2000:
‚Nach den Ergebnissen der historischen Forschung beruhte die von Bürgern östlicher Staaten ab Beginn des Jahres 1942 in den Betrieben deutscher Unternehmen erbrachte Arbeit generell nicht mehr auf vertraglicher Grundlage. [...] Eine auf Zwang und der Androhung von Gewalt beruhende Leistung fremdnütziger Arbeit begründet keinen Arbeitnehmer-Status im Sinne des Arbeitsgerichtsgesetzes und des materiellen Arbeitsrechts. [...]
Die Zuständigkeit der Arbeitsgerichte setzt immer voraus, dass die Arbeit einvernehmlich erbracht worden ist. Erforderlich ist eine zunächst von beiden Seiten gewollte Beschäftigung des Arbeitnehmers.‘
Es mangelte also an Freiwilligkeit.“